Reisen

Vier Tage in Zagreb

Am letzten Mittwoch sollte es nun endlich soweit sein, wir wollten unsere lang ersehnte Reise von Belgrad zurück nach Karlsruhe antreten und unseren Wartburg 353 S wieder nach hause fahren. Zusätzlich zur grundlegenden Überholung der Karosserie im Winter bekam er noch kurzerhand neue Benzin- und Luftfilter spendiert. Alles war vorbereitet und die Vorfreude groß. Der Wagen war OK und machte keine Anstalten, denn schließlich fuhr er sich zuvor auf Testfahrt nach Pančevo ganz ausgezeichnet. Manchmal kommt es aber anders als man denkt.

Auf unserer ersten und längsten der geplanten Etappen zurück nach Deutschland wollten wir nach etwa 530 km Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens erreicht. Daraus wurde dann aber gezwungenermaßen Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens. Leider setzte nach gut 300 km der Zylinder Nummer drei aus und der Wartburg fuhr sozusagen nur noch auf zwei Töpfen. Ich hatte das erst gar nicht richtig bemerkt, denn sofern man sich mit dem Wartburg auf der Autobahn gemütlich hinter einen Bus hängt, gleitet man einfach so vor sich hin. Erst als der Bus seine Geschwindigkeit deutlich über 100 km/h steigerte, merkte ich, dass ich das Gaspedal schon fast bis aufs Bodenblech durchgetreten hatte und Probleme hatte, mit dem Bus mitzuhalten.

So ein Ausfall kann schon mal passieren und ist meist schnell zu beheben. Ich wechselte kurzerhand die Zündkerze auf einem Rastplatz aus und weiter ging die Fahrt. Nach ca. 10 Minuten waren wieder nur zwei der drei Zylinder funktionsfähig und ich konnte sehen, dass unverbranntes Benzin-Öl-Gemisch aus dem Auspuffkrümmer sickerte. Die neue Zündkerze war wieder verölt, was logisch ist, da die Verbrennung im Zylinder ja nicht funktioniert. Der Hobbymechaniker reinigt dann alles und prüft erst einmal, ob auch alle Zündkerzen wieder einen Funken geben, was der Fall war. Nach 5 Minuten Weiterfahrt war dann wieder der dritte Zylinder weg. Da im Stand immer alle Kerzen einen Funken gaben, vermutete ich das Problem woanders und verzichtete erst einmal auf das systematische Durchtauschen von Kerzen, Steckern, Kabeln und Zündspulen. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Wir entschieden uns auf 2 Töpfen bis nach Zagreb weiter zu fahren und uns dort Hilfe zu holen. Da wir schon recht spät dran waren, konnte sich kein Automechaniker mehr für uns begeistern und wir verbrachten die Nacht in Zagreb.

Am nächsten Morgen konnten wir einen Autoelektriker auftreiben, der auch Erfahrung mit dem Wartburg hat und sich alles anschaute. Auch er konnte keine Probleme feststellen. Alle drei Kerzen gaben stets ihren Funken, wenn die Verölung an der Kerze Nummer drei entfernt wurde und das Fahrzeug stand. Seine und meine Vermutung war zu 99% eine defekte Benzinpumpe. Diese funktioniert beim Wartburg rein pneumatisch und wird durch die Druckdifferenz, die beim Kolbenhub im dritten Zylinder entsteht, angetrieben. Ist die Membran in der Pumpe kaputt, sickert das Benzin-Öl-Gemisch in den Zylinder und verölt dann die Kerze soweit, bis sie ausfällt und keinen Funken mehr geben kann. Nun versuchten wir in Zagreb ein neues Pumpenmembran zu finden. Wir haben ca. 10 Autoteilegeschäfte kontaktiert und keines konnte uns weiterhelfen. Im Gegensatz zu Serbien ist in Kroatien der Wartburg praktisch ausgestorben. Ich Trottel habe einen kompletten Reparatursatz für die Benzinpumpe zu hause in Karlsruhe liegen und einfach vergessen einzupacken. Den habe ich sonst stets dabei. Wir verbrachten den Rest des Tages in Zagreb und schauten uns die wirklich schöne Stadt an. Marijas Eltern kamen uns dann am späten Abend zu Hilfe und ihr Papa konnte nur eine gebrauchte Pumpe und zusätzlich noch ein gebrauchtes Ersatzmembran auftreiben.

Während die Frauen den nächsten Vormittag in der Stadt genossen, machten mein Schwiegervater und ich uns an den Einbau der Pumpe. Das dauerte so etwa 10 Minuten und das Problem war leider nicht behoben. Mittlerweile kam der dritte Zylinder gar nicht mehr in Funktion. Wir tauschten daraufhin das Membran in der eigentlich kaputten Pumpe und auch das half nicht. Jetzt hatten wir wirklich keine Ideen mehr. Konnte wirklich das gesamte Material, wenn auch gebraucht, defekt sein? Mir kam dann der Geistesblitz einen Abstecher in die nächstgelegene Stadt nach Ungarn zu machen, Nagykanizsa. Das sind so ca. 140 km von Zagreb aus. In Ungarn ist der Wartburg noch verbreitet und es werden Teile sogar nach produziert, wenn auch die Qualität manchmal nicht stimmt. Dort angekommen hielten wir beim erstbesten Autoservice an und ich konnte mich mit dem netten jungen Mann sogar direkt in Deutsch verständigen. Verfügbar hatte er zwar keinen Reparatursatz für die Pumpe, aber ein weiterer Kunde, der zufällig dort wartet und alles mitbekam, bot uns seine Hilfe an. Er würde einen Laden in der Stadt kennen, der auch Teile für ältere Fahrzeuge verfügbar hat. Wir fuhren also dem weißen Transporter hinterher und er führte uns zum Autoteileladen Sztráda Autósbolt. Dort angekommen verständigten wir uns wieder auf serbisch, da der Besitzer auch sehr gut kroatisch sprach. Er hatte keinen Reparatursatz für uns, aber eine komplette und neue Pumpe für den Wartburg. Das war wohl die einzige Pumpe weit und breit. Nach einem üppigen Mittagessen fuhren wir sehr glücklich wieder zurück nach Zagreb.

Nach dem Einbau der neuen Pumpe machte sich dann leider wieder Ernüchterung breit. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass auch die neue Pumpe defekt ist, also haben wir wohl das unwahrscheinliche 1% erwischt. Die Pumpe ist nicht defekt und das Problem muss woanders liegen. Jetzt kamen nur noch die Zündspulen in Frage oder die elektronische Zündplatine. Kein Problem, das Zeugs habe ich alles stets dabei. Also flink zum Test mal die Spulen zwischen Zylinder zwei und drei gewechselt und kurzzeitig hatten wir wieder alle drei Zylinder funktionsfähig. Dann war plötzlich Zylinder zwei weg. Aha, doch die Spule! Warum habe ich das nicht schon früher getestet? Weil ich zu Beginn stets auf allen drei Zylindern einen Funken hatte und somit alles auf die Benzinpumpe hindeutete. Also flink für den zweiten Zylinder eine neue Zündspule verbaut und kurzzeitig waren alle Zylinder wieder da, dann gab es kurze Aussetzer und dann war Zylinder zwei wieder tot. Es war einfach zum Mäusemelken. Also einfach mal die neue Spule raus und gegen eine andere neue Spule gewechselt, die ich dabei hatte. Das machte ich noch einmal und dann hatte ich alle drei Ersatzspulen, die ich dabei hatte, durch. Mal lief es kurz und dann wieder nicht. Eine der neuen Spulen wurde dermaßen heiß, dass ich die kaum anpacken konnte. Somit lag das Problem wohl tiefer und war für uns vor Ort nicht mehr zu lösen. An die Zündplatine wollte ich mich ohne das entsprechende Zündzeitpunkteinstellgerät nicht heranwagen. Mittlerweile war es wieder spät am Abend. Marija und ich blieben in Zagreb, Ihre Eltern fuhren zurück nach Belgrad.

Gestern dann entdeckten Marija und ich wieder neue Bereiche der Stadt und am frühen Abend kam ein Abschleppdienst aus Belgrad und fuhr uns zurück. Unsere Reise brachen wir also ab.

Heute, Marijas Papa rief seinen guten Kumpel Miroslav an, der in den 70er Jahren beim VEB Autowerke Eisenach gearbeitet hat und in seinem Leben mehr als 30 Wartburgs gefahren hat. Der ist Motorenspezialist und weiß wovon er redet. Der hört sich kurz diese Story an, lächelt müde, geht an seinen Kofferraum und holt eine Zündspule, die vermutlich älter ist als mein Auto, baut die ein und die Kiste rennt wieder. Testfahrt auf der Autobahn; 130 km/h ohne Probleme. Dann sagt er, dass ich meine neuen Spulen, made in Taiwan, wegschmeißen soll. Er hätte da noch ein paar originale aus DDR-Produktion, die ich am Mittwoch abholen kann, wenn ich mag. Ich mag natürlich. Fazit:

  1. Wenn alles auf eine Ursache hindeutet, bedeutet das nicht, dass es auch daran liegt.
  2. Ersatzteile, die nicht halten was sie versprechen, sind keine Ersatzteile.
  3. Jedes originale Bauteil ist Gold wert.
  4. Ich habe eine Menge gelernt, auch wenn es schon ein bisschen weh getan hat.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei meinen Schwiegereltern, bei allen sehr hilfsbereiten Ungarn und Kroaten, bei Miroslav und natürlich besonders bei meiner Frau bedanken, die das alles recht gelassen aufgenommen hat. Diese Reise ist nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. In diesem Sinne, Fortsetzung folgt!